Krimi_Echo der Vergangenheit

Echo der Vergangenheit
 
Dresden, Juli 2012
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So wie jeden Tag saß Andreas in seinem Ledersessel, rauchte eine Zigarre und nippte den Whisky. Seine Kleidung war ganz spezifisch, wie es sich für einen bejahrten Punk gehört. Die abgetragene, schwarze Lederjacke mit einem Aufnäher von seiner Lieblingsband - Die Toten Hosen, ein graues Unterhemd, die durchgescheuerten Bluejeans und die Springerstiefel. Dank einer solchen Kombination konnte er sich ganz natürlich geben. Sein Leben beschränkte sich auf die Arbeit. Er hatte keine Familie, keine Freunde. Die einzige Abwechslung der traurigen Nüchternheit des Lebens war die vor vielen Jahren gegründete Band, die ab und zu mal in verrauchten Spelunken spielte. Andreas war Kommissar. Er wollte immer bei der Polizei arbeiten, die kompliziertesten Kriminalrätsel lösen und die meist degenerierten Menschen verfolgen. Nach 25 Jahren Arbeit war er ein menschliches Wrack. In seinem bisherigen Leben sah er schon so viele Tragödien, dass er statt eines Herzens nur noch einen Eisblock hatte. Da am Polizeipräsidium eigentlich nichts passierte, zog er ein kleines, vergilbtes Heft aus der Schublade heraus. Er begann einen Refrain für sein neues Lied zu schreiben. Die aus der Wand hängende Uhr zählte mitleidlos die nächsten Stunden seines miserablen Lebens ab. Die verfluchte Ruhe wurde unerwartet durch das Klingeln gestört. Er erkannte die Nummer nicht und drückte den Anruf weg. Jedoch nach 8 Stunden, die er in seinem Büro verbracht hatte, war er so gelangweilt, dass er sich entschloss, zurückzurufen.
- Woher hast du meine Nummer und was willst du? - fragte er nervös.
- Hallo, hier ist Ana. Treffen wir uns dort, wo wir uns immer getroffen haben. Um 9.
,,Dort, wo wir uns immer getroffen haben” bedeutete eine verrauchte Spelunke im Zentrum. Andreas dachte, dass sie wieder von ihm das Geld leihen wollte.
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Nachdem er endlich in der Kneipe erschienen war, stellte sich heraus, dass Ana schon besoffen war. Sie zerfloss in Tränen. Er war verdutzt angesichts dessen, was er sah. Er näherte sich der Bar und bestellte die nächste Flasche Whisky.
-Was ist los? - fragte Andreas.
-Vor drei Tagen ist meine Tochter… das heißt unsere Tochter verschwunden. - antwortete Ana und nippte den nächsten Schluck Alkohol.
- Waaas?! - Andreas war schockiert.
- Ich war schwanger von dir, als wir vor sechzehn Jahren abgebrochen haben.
- Warum hast du mir damals nichts gesagt?! - schrie er wütend.
- Ich wollte abtreiben, hatte aber keine Kohle. Andreas, ich will wirklich nichts von dir. Ich bitte dich nur um eine einzige Sache: finde sie.
- Ja, sicher. Gib mir nur ihr Foto.
Ana gab ihm ein Foto einer schlanken Blondine mit blauen Augen. Er steckte es in die Tasche, stieg in sein Auto und kam ins Büro zurück. Er fuhr sehr oft unter Alkoholeinfluss. Es schien ihm sogar, dass er dann ein besserer Fahrer wäre. Er dachte nie an die Konsequenzen seiner Handlungen, deshalb berührte es ihn auch nicht sonderlich, dass er Vater war. In seinem Kopf kreisten Millionen von Gedanken.
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Die Dienststelle war leer und dunkel. Es schlug Mitternacht. Andreas schaltete den Computer ein und tippte den Name des Mädchens in die Datenbasis ein. Laura Schmidt - keine Resultate. „Gott sei Dank“, dachte er. Das bedeutete, dass seine Tochter noch nie notiert worden war. Er atmete erleichtert auf. Dann aber erinnerte er sich sofort daran, was Ana sagte: „Unsere Tochter ist vor drei Tagen verschwunden“. Er griff in die Tasche, blickte wieder auf das Foto und überlegte, wie er Laura finden könnte. Er versank in seinen Gedanken. Plötzlich kam sein Mitarbeiter Bernd ins Büro hereingestürmt.
- Unter der Augustusbrücke wurdevon Passanten die Leiche eines ungefähr 15- bis 16-jährigen Mädchens gefunden. Wir brauchen dich, sagte er.
Andreas zog sich wortlos an und verließ das Büro. Sein Kopf war voller Gedanken.
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- Dem Mädchen wurden die beiden Nieren, die Leber und die Lungen herausgeschnitten. Der Tod trat durch einen Stich ins Herz ein. Sie hatte keine Überlebenschance. Am Fluss haben wir auch ein in Chloroform getränktes Tuch gefunden. Ich vermute, dass wir mit dem Organhandel zu tun haben. - sagte Bernd.
Der Pathologe hob das Leinen. Auf einem perfekt weißen Betttuch lag ein hübsches, junges Mädchen, das wie ein Fisch ausgenommen worden war. Andreas war sprachlos, als er dieses Gesicht sah. Er verstand sofort, dass es dasselbe Gesicht war, das er noch vor einigen Stunden auf dem Foto gesehen hatte. Das erste Mal im Leben weinte er wie ein Kind. Vor Schmerz und Ratlosigkeit.
- Wir haben ein Problem mit der Identifizierung von Leichen. Ich werde die Datenbasis der Vermissten durchsuchen. Vielleicht finde ich etwas- sagte Bernd.
- Laura Schmidt - murmelte Andreas.
- Was?! Woher weißt du das?! - Bernd war schockiert.
- Das ist,,, das war meine Tochter, Bernd. Sie ist vor vier Tagen verschwunden.
- Aber… Ich wusste überhaupt nicht, dass du eine Tochter hast.
- Ich auch nicht. Ich erfuhr es gestern. Ich hatte keine Gelegenheit, sie kennenzulernen. - sagte er betrübt. Weißt du was, ich will jetzt allein bleiben.
 - Klar. Falls du irgendwas brauchst, ich bin im Büro.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Andreas eine Leere. Eine stechende, abscheuliche Leere. Anstelle von einem Eisblock erschien wieder das Herz. Das Herz, das sich schon seit Jahren nach Liebe und Empfindsamkeit sehnte.
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Er kam am frühen Morgen zu ihr. Dort erzählte er ihr, was ihrer Tochter passiert war. Ana fiel in Ohnmacht. Andreas brachte sie zu sich, setzte sie auf das Bett und drückte sie mit aller Kraft an sich. Wieder schlug sein aus dem Winterschlaf erwachtes Herz.
- Meine Mitarbeiter fanden schon die DNA dieses degenerierten Menschen, der Laura ermordete und bestimmten sein Aufenthaltsort. Ich verspreche, dass ich ihn ergreife und persönlich ausnehme. - sagte Andreas und die Tränen kullerten ihm über die Wangen.
All zu lang hatte er seine Gefühle unterdrückt, die jetzt mit aller Kraft auftauchten.
- Danke, dass du immer für mich da bist. - sagte Ana und lächelte unter Tränen.
Am nächsten Tag versammelte Andreas seine besten Mitarbeiter, um die Jagd nach dem Verbrecher durchzuführen. Der Mörder saß auf dem Sofa, als ob nichts gewesen wäre, schaute das Fußballspiel an, aß Chips und trank Bier. Er erwartete keine Gäste, schon gar nicht die Polizei. Im Keller gab es ein blutbeflecktes Krankenbett, einen Tisch mit Instrumentarium und einen großen Kühlschrank. Hier nahm der Untermensch seine Opfer aus, um damit ein Vermögen zu machen. Im Tresor fanden die Polizisten 10 Millionen Euro. In der Luft schwebte ein süßer Duft. Der Täter zeigte dann den Polizisten ein Zimmer, wo sich ein Einäscherungsofen befand. Die sterblichen Überreste verstreute er in der nahe gelegenen Kiesgrube.
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Der Mörder zeigte keine Reue, noch nicht einmal, als er im Gerichtssaal die weinende und verzweifelte Ana sah. Der Richter verurteilte ihn zu lebenslanger Haft und zur Arbeit im Steinbruch. Nach dem Tod seiner Tochter sammelte sich Andreas nie wieder. Es wurde ihm schließlich bewusst. Er war der Vater.
 
Mateusz Gankowski
Monika Liguzińska
Małgorzata Nowakowska
Magdalena Sokół
 


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